Tough Mudder South West 2017 – im Blindflug zum goldenen Stirnband

Tough Mudder South West 2017

„Wenn eine Idee am Anfang nicht absurd klingt, dann gibt es keine Hoffnung für sie“ (Albert Einstein)

Nicht alles was wir machen lässt sich rational erklären.

Nun bin ich (Michael) grundsätzlich ein Typ, der gerne rational handelt.

Aber gleichzeitig behaupte ich, dass wir hin und wieder bewusst irrational handeln müssen.

Machen wir dies nämlich nicht, so werden wir irgendwann auf ein langweiliges Leben zurückblicken.

Wir werden nie erfahren, was wirklich in uns steckt und was das Leben außerhalb unserer Komfortzone für uns bereithält.

Nicht mit mir!

Am letzten Sonntag stand für mich beim Tough Mudder South West 2017 mein 50. Tough Mudder auf dem Programm.

Kaum zu glauben, aber wahr!

Ich sollte mich also anschicken, als erster Deutscher überhaupt das goldene Stirnband zu bekommen.

Lange habe ich überlegt, welche besondere Challenge ich mir für diesen großen Tag auferlegen könnte.

Und als mir selbst die erfahrensten Mudder gesagt haben, wie bekloppt und geradezu abwegig die Idee sei, da wusste ich, dass ich die richtige gefunden hatte!

Die Entscheidung stand fest:

Ich laufe meinen 50. Tough Mudder blind!

Ankündigung Blindflug

Schon jetzt kann ich dir verraten, dass ich noch nie so etwas Krasses erlebt habe.

Vermutlich noch nicht mal annähernd…

Ich möchte deshalb mit dir zusammen noch mal alles chronologisch Revue passieren lassen.

Du bekommst dabei jede Menge Videos zu sehen und schonungslose Einblicke in das, was ich durchlebt habe.

Sieg und Niederlage liegen oftmals näher beieinander als man denkt…

Warum zum Teufel macht man sowas?

Ich denke unser Shirt-Aufdruck „100% CRAZY, 100% MUD, 100% HOORAH!“ beantwortet schon einen Teil der Frage, aber darüber hinaus gibt es sicherlich noch viele weitere Erklärungsansätze, die mit eine Rolle spielten:

  1. Ich wollte vor dem Lauf endlich mal wieder richtig nervös sein – so wie vor meinem ersten Tough Mudder 2014. Raus aus der Komfortzone!
  2. Es gab tatsächlich schon Blinde, die den Tough Mudder gemeistert haben, ebenso wie Einarmige, Einbeinige oder Rollstuhlfahrer. Ich wollte eine ungefähre Vorstellung davon haben, welch eine unmenschliche Leistung diese Menschen vollbringen.
  3. Tough Mudder bedeutet für mich vor allem Kameradschaft. Mein Blindflug ist insofern auch als Liebesbeweis an mein Team zu verstehen. Denen vertraue ich im wahrsten Sinne des Wortes blind und würde ihnen ohne mit der Wimper zu zucken mein Leben anvertrauen.
  4. Mir war klar, dass ich an meine Grenzen oder vielleicht sogar darüber hinaus kommen würde. Grenzerfahrungen prägen uns, ich wollte etwas Neues über mich selbst erfahren.
  5. Machen wir uns nichts vor – natürlich wollte ich es auch allen beweisen, dass ich es drauf habe 😉

Vorbereitung

Abgedunkelte Brille

Nach langem Überlegen habe ich mich für eine Schwimmbrille entschieden und diese von innen komplett abgedunkelt.

Das Ding sitzt bombenfest und man sieht weniger als Stevie Wonder – gute Wahl!

Das blinde Laufen habe ich vorher bewusst nicht trainiert.

Zum einen weil ich auch sonst nie laufen gehe und zum anderen hatte ich Angst, dass ich es mir am Ende vielleicht noch anders überlegen würde.

Groß ankündigen und dann nicht mehr raus können aus der Nummer – meine bewährte Taktik.

Was die Hindernisse anbelangt, so habe ich diese gefühlt schon tausend Mal sehend gemacht und die Bewegungsabläufe intus.

Dennoch habe ich mich darauf zwei bis drei Wochen lang mental gezielt vorbereitet.

Du willst wissen wie?

Die Videos, die du gleich siehst, die habe ich vorher schon etliche Male vor meinem geistigen Auge gesehen – unter der Dusche, auf dem Weg zur Arbeit, beim Kochen, usw.

Am Tag selbst musste ich also „nur noch“ nachmachen, was ich mir immer und immer wieder vorgestellt habe.

Nicht dass ich mich in diese Kategorie zähle, aber so machen das im Übrigen die meisten Topsportler.

Wenn du das was du erreichen möchtest visualisierst, dann ist das schon die halbe Miete.

Kurz vorm Start

TM South West 2017 kurz vorm Start

Ich war tatsächlich lange entspannt, aber so 1,5 Stunden vorm Start setzte allmählich die Nervosität ein.

Nicht nur, dass ich blind laufen würde, nein, zu allem Überfluss hatten wir auch noch gehörig Zeitdruck, denn wenn ich es verkacken würde, dann würden wir alle unseren Rückflug verpassen.

Um das zu konkretisieren – wir musste in unter vier Stunden ins Ziel, um safe zu sein!

Dank meines großartigen Teams, auf das ich gleich noch ausführlich eingehe, löste sich die Anspannung ein wenig.

Allmählich bekam ich jedoch ein böse Vorahnung davon, was mich gleich erwarten würde.

Etliche Leute kamen auf mich zu, umarmten mich und wünschten mir Glück.

„Thanks – whoever you are!“

Dem Grunde nach bin ich ja es gewohnt keine Orientierung zu haben.

So habe ich zum Beispiel das gesamte Wochenende über kein einziges Mal auf Anhieb mein Zelt oder unser Auto gefunden.

Das ist leider kein Einzelfall, sondern eher so eine Art Running Gag.

Überhaupt nichts zu sehen, verleiht dem Ganzen jedoch noch mal eine ganz neue Qualität!

Auch Bobbie, der vermutlich geilste Warm-up MC auf diesem Planeten, schaute vor der ersten Welle bei mir vorbei und hatte sichtlich seinen Spaß.

Bobbie verarscht Michael 1

Bobbie verarscht Michael 2

Er kündigte schon an, dass wir gleich eine Menge Spaß haben würden – er sollte Recht behalten!

Warm-up

Michael wird in die Warm-up-Zone geführt

Da war es nun also so weit… ich wurde von Max und Nadine in die Warm-up-Zone geführt, die sich an dem Tag eher in eine Art Manege verwandeln sollte.

Max verarscht Michael

Bobbie holte mich auf die Bühne und spielte mit mir das Spiel „What's in my hand?“.

Besonders der dritte „Gegenstand“ sorgte dabei für Gelächter.

Michael Plastic Boobs

Doch er hatte noch eine Überraschung parat, siehe selbst:

Ich glaube du kannst dir nicht vorstellen wie gruselig es ist, eine gefühlte Ewigkeit irgendwo mit den Armen nach oben zu stehen, nichts zu hören und nichts zu sehen und gleichzeitig zu wissen, dass das nur die Ruhe vor dem Sturm sein kann 😀

Sehr geile Nummer, nicht nur von Bobbie, sondern von der gesamten ersten Startwelle!

Danach begann dann endlich das richtige Warm-up, bei dem es wie immer in England sehr „seriös“ zuging.

Jorina & Michael beim Warm-up

Selbstverständlich hatte ich hier noch alles gut im Griff.

Warm-up blind Fail 1

Warm-up blind Fail 2

Auf zum Startbereich

Bobbie hatte nun also sein Unwesen getrieben und nun ging  es quasi von einer Legende direkt zur nächsten, nämlich zu Gil an die Startlinie.

Ich hatte nun die Ehre von einem Mann zelebriert zu werden, den ich über alles schätze und schon lange in mein Herz geschlossen habe.

Gil war natürlich bestens darüber informiert, dass das mein großer Tag sein würde und ich kann es jetzt noch kaum fassen, dass er extra für mich eine Krone besorgt hatte.

Gil Krone

Das war nicht nur eine super Geste, sondern obendrein vermutlich auch noch eine Anspielung auf die Krone, die mir Steffi zu meinem 25. Lauf gebastelt und die ihm so gut gefallen hat.

TM North West 2016 Michael Krone

Es gab noch viele warme Worte und wie so oft durfte ich am Ende natürlich auch den Pledge halten…

Pledge falsch herum

Ihr seid einfach unfassbare Mongos 😀

Yeahh, der Startschuss ist gefallen

So philosophisch hat unser „Mr. Hoorah“ Gil wohl nicht gedacht, aber er hätte mich wohl mit keinem besseren Symbol ausstatten können als mit der Krone.

Nein, ich meine nicht Statussymbol, sondern tatsächlich Symbol.

An diesem Tag war ich nämlich wie der König beim Schach.

Wenn du jetzt denkst „Mit Kartenspielen kenne ich mich nicht aus“, dann ist das nicht schlimm, du wirst meine Metapher trotzdem verstehen.

Der König beim Schach kann eigentlich so gut wie gar nichts, aber wenn er geschlagen wird, dann ist das ganze Spiel verloren.

Wenn du also eine solch limitierte Figur im Team hast, dann müssen sich alle anderen Figuren umso mehr ins Zeug legen und sich zur Not sogar selbst opfern, um den König zu schützen.

Blind laufen im Team

Ab jetzt hinkt die Metapher ein wenig, denn ich hatte keinen einzigen Bauern (okay, vielleicht Seba) dabei, sondern nur Türme, Springer, Pferde und Damen.

Damit kannst du quasi nicht verlieren!

Ich bin ja der offizielle Kapitän des Mudder-Guide-Teams.

Zumindest habe ich das irgendwann behauptet und mir hat nie jemand widersprochen…

Das Ganze kann man sich aber bei uns so vorstellen wie beim FC Barcelona. Ich trage zwar wie Iniesta die (Blinden-)Binde, aber Alex ist sozusagen unser Lionel Messi im Team, eine Art Lebensversicherung.

Alex South West 2017

Ganz nebenbei ist er noch derjenige mit den zweitmeisten Teilnahmen in Deutschland und wenn man obendrein noch Sven und Max und damit die Dritt- und Viertplatzierten in dieser Kategorie bei den Männern bei sich im Team hat, dann ist das schon mal eine gute Ausgangslage.

Außerdem dabei waren Nadine, die erst kürzlich den Tougher Mudder in Yorkshire gewonnen hat und unser englischer Freund Thomas, der auch schon über 30 Tough Mudder und eine Teilnahme beim World's Toughest Mudder auf dem Buckel hat und an diesem Tag viele deutsche Wörter lernte.

Jorinas Aufgabe war vor allem meine Laune hoch zu halten, was ihr gemessen an den Umständen durchaus gelang.

Außerdem habe ich gerne hübsche Frauen um mich herum – auch wenn ich diese nicht sehe 😉

Ja und dann war da halt noch dieser Seba, der uns zumindest die Kosten für einen Kameramann gespart hat…

Seba am Start

Du wirst dich vielleicht schon die ganze Zeit fragen, wie man eigentlich blind rennt.

Mit der richtigen Taktik jedenfalls besser als erwartet:

Leider haben wir nur diese eine Laufpassage auf Video, das muss unser erster Kameramann verbockt haben.

Teilweise waren wir sogar noch deutlich schneller unterwegs und eine ganze Weile auf Kurs in Richtung 2,5 Stunden!

Das muss man erst mal sehend schaffen…

Nun, es sollte irgendwann anders kommen, aber ich war zumindest erstaunt, wie gut mein Plan grundsätzlich funktionierte.

Ich griff einfach im Wechsel die Unterarme von Sven, Max und Thomas und der Rest ging fast wie von selbst.

Im Prinzip fühlte es sich ähnlich an wie auf dem Laufband und ich lief nie groß Gefahr umzuknicken oder gar zu stürzen (was jedoch auch dem recht einfachen Kurs geschuldet war).

Skidmarked

Nun ging es endlich an die ersten Hindernisse und ich konnte mir direkt ein gutes Gefühl abholen.

Als erstes stand mein Spezialhindernis Skidmarked auf dem Programm, das wir in Deutschland unter dem Namen Hangover kennen.

Blind sieht das Ganze vielleicht noch einen Ticken spektakulärer aus 😉

Kiss of Mud

Kiss of Mud blind

Man muss sicherlich kein Topathlet sein, um Kiss of Mud blind zu bewältigen, aber ich war offen gesagt überrascht.

Ich war nicht in der Lage eigenständig die Spur zu halten und musste ständig verbal korrigiert werden.

Einen leichten Drall hat man irgendwie immer.

Kurz darauf kam die erste Getränkestation, wo ich – wie sich später herausstellen sollte – einen kapitalen Fehler begangen habe.

In England hat man immer die Wahl zwischen Wasser und einem recht zuckrigen Gesöff (Lucazade).

Letzteres finde ich ganz gut, um dem Körper einen kleinen Push zu geben und so griff ich auch diesmal dazu.

Wir kommen noch darauf zurück…

Pyramid Scheme & Kotzen Teil 1

Bei den Ochsen an meiner Seite wäre das auch so kein Problem geworden, aber schade, dass diesmal eine Holzleiste in der Mitte angebracht war.

So ist Pyramid Scheme – auch blind – natürlich super einfach.

Es hatte sich schon angedeutet, aber es war definitiv ein Fehler von dem Zuckergesöff zu trinken.

Vermutlich wäre das irgendwann sowieso passiert, aber so wurde das Ganze wohl beschleunigt.

Es wollte wieder raus, auch wenn Max nicht so recht hinsehen konnte…

Michael muss kotzen Teil 1

Vielleicht fragst du dich gerade warum mir so schlecht wurde.

Nun, zumindest mein Körper steht da nicht darauf, wenn er permanent durchgeschüttelt wird, ohne das Ganze vorher mit dem Auge schon vorherzusehen.

Das ist vielleicht ein klein wenig so wie bei Menschen, denen es als Beifahrer beim Lesen schlecht wird.

Ich hatte bereits vorher gesagt, dass das meine größte Sorge sei – umso dümmer, dass ich es nicht beim Wasser belassen habe und ein unnötiges Risiko eingegangen bin.

Aber ich stand auf und es ging weiter.

Ich betrachtete es zu diesem Zeitpunkt lediglich als schöpferische Kunstpause.

Hero Walls

Die Hero Walls (heißen bei uns Berlin Walls) mache ich normalerweise alleine.

Blind bekam ich jedoch leider die Kante nicht zu fassen, weil ich zwar den Balken gut traf, aber immer wieder in Rücklage geriet.

Ich benötigte also einen minimalen Schubser, der Rest war dann business as usual.

Arctic Enema

Jetzt wurde es spannend.

Mir ging es zu dem Zeitpunkt schon alles andere als gut. Normalerweise ziehe ich beim Arctic Enema mein Stirnband um den Hals, aber da bekam ich sofort wieder Brechreiz, sodass ich Alex das Ding in die Hand drücken musste.

Ich hielt es im Vorfeld für ein realistisches Szenario, dass man beim Arctic Enema in Panik geraten könnte.

Schließlich rutscht man in eiskaltes Wasser, es ist stockdunkel und dann muss man auch noch mal tauchen.

Ich glaube hier hat sich meine mentale Vorbereitung ausgezahlt, denn die Bewegungsabläufe waren so zügig, dass das wohl sehend nicht viel besser ausgesehen hätte:

Das war auf alle Fälle ein erstes kleines Erfolgserlebnis für mich!

Schubkarre & Kotzen Teil 2

Das „Hindernis“ hatten wir noch nirgends und es stand auch nicht auf der offiziellen Streckenkarte drauf, aber die ließen uns tatsächlich Schubkarren fahren.

Auch hier wieder lustig wie schwierig es ist blind die Spur zu halten.

Dem Kommentar von Alex kann ich natürlich nur beipflichten 😉

Kurz darauf sah das dann jedoch nicht mehr ganz so sexy und wenig königlich aus, das Lucazade meldete sich wieder zu Wort…

Michael muss kotzen Teil 2

Snot Rocket

Snot Rocket lief alles in allem geschmeidig.

Meinen Zustand habe ich einfach als gegeben akzeptiert und mich auf die jeweils nächste Aufgabe fokussiert.

The Block Ness Monster

Das Becken beim Block Ness Monster war an beiden Tagen viel zu sehr gefüllt, man musste teilweise sogar schwimmen, weil man nicht richtig stehen konnte.

War unterm Strich trotzdem ziemlich easy, aber da es für mich zu dem Zeitpunkt nur noch ums Überleben ging, habe ich mir den Mudder Guide Shuffle erspart.

Mud Mile & Kotzen Teil 3

Bei der Mud Mile sah ich mittlerweile schon halb aus wie der Tod.

Davon abgesehen sieht man eine Sache ganz deutlich, die sich wie ein roter Faden durch nahezu alle Hindernisse zieht:

Rauf ist immer deutlich einfacher als runter!

Ansonsten fand ich zu diesem Zeitpunkt so ziemlich alles zum Kotzen…

Liberator

Der Liberator hatte mich am Samstag schon genervt.

Etliche Löcher waren nicht akkurat gebohrt und die Pegs viel zu glitschig.

Da die Pegs nahezu nicht verkeilt haben, musste ich wie schon am Vortag die Füße mit benutzen (und das kann ich gar nicht leiden). Alex hat aufgepasst, dass nichts passiert.

Dem Grunde nach wollte ich jetzt nur noch sterben, auch wenn das Volk mir weiterhin die Treue schwor.

Kotzen Teil 4 und 5 & emotionaler Zusammenbruch

Michael muss kotzen Teil 4

Im Wald machte ich mit dem weiter, was ich zwischenzeitlich am besten konnte – den Magen entleeren.

Thomas informierte die beunruhigten Passanten immer humorvoll auf seine Weise:

„He doesn't like Lucazade!“ 😀

Mein Körper war jetzt sichtlich im Überlebensmodus und dann kam tatsächlich der Moment, in dem ich mich selbst neu kennenlernte.

Ich saß da und war gebrochen…

Ich war fertig mit der Welt!

In mir kamen Gefühle hoch, zu denen mir nicht die richtigen Adjektive einfallen und mich übermannten schlussendlich die Tränen.

Nennen wir es beim Namen – ich hatte einen emotionalen Zusammenbruch.

Michael emotionaler Zusammenbruch

Nun bin ich grundsätzlich der Typ, der gerne mal ein Tränchen verdrückt, wenn am Ende der Liebeskomödie die Hochzeitglocken klingen oder bei dem auch mal alle Dämme brechen, wenn er zum 15. Mal mit ansehen muss, wie John Coffey bei The Green Mile hingerichtet wird.

Davon abgesehen bin ich aber eigentlich der Typ, den so schnell nichts aus der Bahn wirft und der bis ans Limit gehen kann.

Ich habe es bislang nicht näher thematisiert, aber es ist längst nicht nur die Dunkelheit.

Du hast deine Augen offen und es ist dunkel.

Du wirst automatisch müde, befindest dich aber mit jedem Schritt im Dauerstress, weil du immer auf der Hut sein musst.

Die Brille drückt und du fühlst dich eingeengt.

Du hast keine Flüssigkeit mehr in dir und das einzige was dich überhaupt noch auf den Beinen hält ist dein Wille.

Ich gehe so weit und behaupte glaube ich ohne Übertreibung, dass ich nun weiß was es heißt, gefoltert zu werden!

Ich konnte nicht mehr, doch ich richtete mich ein letztes Mal auf und zitierte den Lieblingsspruch von Gil:

„NO QUITTING!“

Stage 5 Clinger – es droht das Schach Matt

Mittlerweile nur noch getragen vom Willen, erreichte ich den Stage 5 Clinger.

Auch hier waren wir samstags bereits genervt, weil die Matten viel zu weit nach unten und damit im Weg hingen.

Ich kann dir beim besten Willen nicht sagen, woher ich die Kraft genommen habe, aber ich habe mich sogar an einem Arm ausgependelt und bin letztendlich ohne Fremdhilfe und ohne Mitbenutzung der Seiten nach oben gekommen.

Das war richtig stark, aber letztendlich nur ein letztes Aufbäumen.

Ich stand da und bemerkte, dass Max neben mir war.

Nun kam es zu einer zweiten bemerkenswerten Szene.

Ich musste ihn einfach umarmen, denn ich habe in dem Moment einfach Nähe gebraucht.

Es überkam mich ohne Vorankündigung.

Krass, was das alles mit einem macht!

Mein Team ging nun hart mit mir ins Gericht.

Sie konnten und wollten das nicht mehr verantworten, aber höre selbst:

Da man selbst in der Tragik den Blick fürs Komische nicht verlieren sollte, bitte ich dich, dir das Video erneut anzuschauen und diesmal nur auf unseren englischen Freund Thomas zu schauen.

Die Mischung aus Panik und „Was zum Teufel labern die?“ ist einfach ganz großes Kino!

Aber zurück zur Sache.

Nach rund 2,5 Stunden Dunkelheit (davon 1:50 Stunden und 10 Kilometer auf der Strecke) und 5x Kotzen musste ich nicht nur für mich, sondern vor allem auch für mein Team Verantwortung übernehmen.

Wir mussten unseren Flug bekommen und es gab unterwegs schon ein paar Medicals, die mich aus dem Verkehr ziehen wollten.

Also ließ ich mich für die letzten sechs Kilometer auf einen Kompromiss ein – „normal“ laufen, aber alle restlichen Hindernisse ebenfalls blind.

Funky Monkey – mein stärkster Moment

Klar, mein Körper war immer noch ausgelaugt, aber nachdem ich von meinem Foltergerät befreit war, kehrte ich relativ schnell zu den Lebenden zurück.

Ich bekam sogar wieder etwas, das man als Gesichtsfarbe durchgehen lassen konnte.

The Black Hole und Lumberjacked waren nicht weiter der Rede wert und mental war ich ohnehin schon beim Funky Monkey.

Egal was vorher war – diesen einen Moment würde mir niemand nehmen, so viel stand für mich fest!

Aber sieh‘ selbst:

Nenne mich selbstverliebt, aber ich gebe unumwunden zu, dass ich mir dieses Video sehr oft angeschaut habe.

Was mich dabei vor allem fasziniert hat, ist mein – auch wenn man die Augen nicht sieht – Gesichtsausdruck.

Der Kerl, den ich in dem Video gesehen habe war wild entschlossen und hatte keine Millisekunde lang auch nur den leisesten Zweifel aufkommen lassen.

Scheitern war keine Option!

Es überhaupt geschafft zu haben war schon ein großer Erfolg, aber unter diesen Umständen war es mein persönlicher „Magic Moment“.

Hero Carry

Hero Carry blind

So ganz allmählich hob sich bei mir auch wieder die Laune.

Ich konnte essen und trinken, ohne Angst haben zu müssen, dass es auf ungewolltem Wege wieder nach draußen findet.

Hold your Wood und Hero Carry war da natürlich easy going, ehe am Ende noch mal drei harte Nüsse auf mich warten sollten.

Everest

Vorm Everest hatte ich im Vorfeld tatsächlich am meisten Respekt.

Blind bekommst du nicht den Topspeed und rennst im dümmsten Fall einfach in die Wand hinein.

Fairerweise muss man dazu sagen, dass der Everest in England kürzlich einem Downgrade unterzogen wurde, weil sich zu viele auf die Fresse gelegt haben.

Wer einigermaßen sportlich ist, packt diesen alleine, weil die Steigung am Ende schon ziemlich kastriert wurde.

Ganz so easy wie es Alex vormacht ist es dann doch nicht, aber den coolen Move des alten Posers möchte ich dir nicht vorenthalten 😉

Nun musste ich also da hoch und ich war relativ zuversichtlich.

Thomas rannte mit mir zusammen an und oben befand sich ja noch unsere Lebensversicherung, unser Zusatzjoker Alex.

Und siehe da, es hat tatsächlich im ersten Versuch geklappt!

Krönung von Seba

Es standen noch zwei Hindernisse aus und wir klärten schon vorab, dass ich mein goldenes Stirnband erst im Ziel erhalten würde.

Zuvor gab es jedoch noch einen Meilenstein zu feiern.

Durch den Blindflug ging das leider fast ein wenig unter, aber Seba bestritt an dem Tag seinen zehnten Tough Mudder und ergatterte damit nun auch endlich das schwarze Stirnband.

Herzlichen Glückwunsch, lieber Seba, wenn du nun auch noch irgendwann den Funky Monkey schaffen und nicht wie ein nasser Sack ins Wasser fallen solltest, dann kann aus dir mal ein ganz Großer werden! 😉

Kong

Jetzt stand noch mal eine gewaltige Challenge für mich an.

Beim Kong hatten mir vorab schon einige prognostiziert, dass das eine harte Nummer werden würde.

Dass das kein Zuckerschlecken würde war mir bewusst, aber ich habe es offen gesagt unterschätzt.

Ich kann wohl behaupten, dass ich mich wacker geschlagen habe, aber urteile selbst:

Ich habe dir bereits gesagt, dass ich bereits im Vorfeld quasi für jedes Hindernis einen Matchplan hatte.

Auch hier habe ich gedanklich durchgespielt, was ich zum Beispiel machen würde, wenn ich Schwung verliere und noch mal Fahrt aufnehmen muss, usw.

Ich wusste schließlich, dass ich eine Weile in der Lage bin, mich zu halten.

Mit einer Rotation – und dann auch noch in diesem Ausmaß – hatte ich vorab allerdings tatsächlich nicht gerechnet!

Sehend wäre das alles noch lösbar gewesen, aber blind ist dann natürlich völlig die Orientierung weg.

Hätte ich das Problem im Vorfeld in Betracht gezogen, dann hätte ich es glaube ich gemeistert.

Ich kann eine ziemlich krasse Körperspannung aufbauen und hätte mich wohl mit beiden Armen mit dem Ring Richtung Brust gezogen.

Anschließend hätte ich meinen Körper in die Waagerechte bringen und den nächsten (oder im Notfall den vorherigen) Ring mit meinem Fuß einfangen können.

Jetzt sehe ich es wieder vor mir, aber nun ist es zu spät.

Deshalb kann ich nur noch mal wiederholen – visualisiere alles vorher, dann kannst du das notwendige Handwerkszeug im entscheidenden Moment abrufen!

Electroshock Therapy und Überreichung des goldenen Stirnbands

Ich würde behaupten, dass die Electroshock Therapy in England noch einen Tick heftiger ist als in Deutschland.

Der Untergrund ist extrem rutschig und man sieht dort reihenweise Leute stürzen.

Im Vorfeld hatte ich auch ein klein wenig Angst, dass ich hier verarscht werden würde, nachdem Max in Yorkshire zusammen mit seiner Frau Rica anlief, sie jedoch am Ende die einzige war, die tatsächlich durchlief…

Dafür habe ich ihn ziemlich gefeiert und Karma ist ja bekanntlich ne Bitch 😀

Sven habe ich deshalb schon vor dem Lauf unmissverständlich klar gemacht, dass ich mir einen neuen Grafiker suchen würde, wenn er selbige Nummer mit mir abzieht 😉

Ich rechne es Sven, Seba und Jorina hoch an, dass sie zusammen mit mir durch die Electroshock Therapy gelaufen sind und es war definitiv die asozialste, die wir jemals erlebt haben.

Grob geschätzt dürfte es mindestens acht Mal heftig eingeschlagen haben und einmal wurde es mir sogar trotz Brille ganz hell vor Augen, weil es mich am Kopf erwischt hatte.

Eine menschliche Kette zu bilden ist physikalisch gesehen dumm, aber es war so ziemlich die einzige Möglichkeit, mich darin nicht meinem Schicksal zu überlassen.

Im Video kann man die Einschläge ganz gut erkennen 😀

Unseren Zieleinlauf hätten wir übrigens nicht besser timen können, denn wir kamen zwei Minuten nach dem Start der letzten Welle ins Ziel.

Thomas ist vorm Kong zu Gil gerannt, um diesen zu holen.

Es war mein ganz großer Wunsch, dass ich mein goldenes Stirnband von Gil erhalten würde und dieser wurde erfüllt.

Ich war happy! 🙂

Fazit zu meinem Blindflug

Tough Mudder South West 2017 Fazit

Wie eingangs erwähnt, war das mit Abstand die krasseste Nummer, die ich je erlebt habe – physisch und vor allem emotional.

Meinem Team bin ich unendlich dankbar.

Ich war ja dabei und irgendwie doch nicht. Als ich mir im Nachgang die Videos angesehen habe, war ich extrem gerührt wie sehr sich jede und jeder Einzelne um mich gekümmert hat.

Vor dem Start haben sie mich nach allen Regeln der Kunst verarscht und ich hätte es ihnen wohl auch krumm genommen, wenn sie das nicht getan hätten.

Auf der Strecke selbst konnte ich mich aber zu 1000% auf alle verlassen.

Danke Jungs und Mädels, ihr habt lehrbuchartig demonstriert, was Tough Mudder ausmacht!

Was die Hindernisse anbelangt, so bin ich extrem zufrieden.

Ich habe es tatsächlich geschafft überall Ruhe zu bewahren und bis auf Kong alle Hindernisse gemeistert und das sogar einigermaßen souverän.

Vermutlich ist es die gerechte Strafe für einen bekennenden Anti-Läufer wie mich, dass mich ausgerechnet das Laufen zerstört hat.

Stecke mich blind ins Eiswasser, lass mich irgendwo entlang hangeln, verpasse mir Elektroschläge, aber bitte lasse mich nie wieder längere Zeit blind laufen!

Ich wollte an mein Limit und ich bin sogar darüber hinaus.

Diese Challenge hat mich noch stärker gemacht und persönlich wachsen lassen.

Ich bin extrem dankbar für diese Erfahrung!

Fazit nach 50 Tough Mudder

Michael goldenes Stirnband

Nach 50x Tough Mudder ist es wohl nicht vermessen, ein kleines „Zwischenfazit“ zu ziehen.

Dass dieser Lauf mal in einem solchen Umfang mein Leben bestimmen würde, hätte ich nie für möglich gehalten.

Ich habe hier grandiose Leute kennengelernt und mit diesen zusammen unendlich viele schöne Momente erlebt.

Ich gehe sogar so weit und behaupte, dass mich Tough Mudder zu einem besseren Menschen gemacht hat.

Mein Selbstbewusstsein war auch vor meinem ersten Tough Mudder schon gewaltig, aber ich war um es auf den Punkt zu bringen ein kleiner Schisser.

Es hat mich damals zum Beispiel eine wahnsinnige Überwindung gekostet von drei Meter Höhe ins Wasser zu springen, ich habe Achterbahnen gemieden, usw.

Ich traue mich nun viel mehr und sage viel öfter und schneller zu Dingen ja.

Ich reise und suche nach Abenteuern, probiere neue Dinge aus und versuche regelmäßig meine eigenen Grenzen zu verschieben.

Gleichzeitig befinde ich mich in der privilegierten Lage, andere mit diesem Spirit anstecken zu können.

Frei nach Faust – Hier bin ich Mudder, hier darf ich's sein!

Auf die nächsten 50 Läufe.

Hoorah!

3 Comments

  1. Patrick 29. August 2017
    • Mudder Guide DE 30. August 2017
  2. Jakob 30. August 2017
  3. Pingback: Tough Mudder South West 2017 | Nadine Wendt 3. September 2017

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